tübingen
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Gesammelte Werke von Sebastian Radestock


Erzählungen
Nichtswärts (Ausgezeichnet mit dem 1. Preis im Literaturwettbewerb der Rottweiler Gymnasien "Schreibspuren", 1998)
Ich, Prometheus I (Ausgezeichnet mit dem 1. Preis im Literaturwettbewerb der Rottweiler Gymnasien "Schreibspuren", 1999)
Weiße Zukunft


Gedichte


Ein Bett aus Salz



nach oben
Ein Bett
aus Salz.
In einer Wüste aus blauem Sand.

Öffne Deine Hand
und warte,
dass ich mich hineinlege
und sterbe.

Ich weiß,
warum Du traumlos bist
und kalt.

Ich bin es auch.

Und ich liege schlaflos,
nächtelang,
und reibe meine Augen wund.
(2003)


Tübingen,
23:56,
Gleis eins



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Vom Schlossberg: noch ein Schimmern.
In der Tasche liegt ein Buch.
Nachtgedanken, geht von mir!
Langsam kehrt das Bewusstsein wieder zurück.
Ich schlitze Dich auf.
Aus der Passage in die Südstadt: Schritte.
Und dort verscharre dich unterm Laub.
Ich warte auf den Expresszug nach Stuttgart.
Ich denke wirres Zeug.
Die Flamme zündet die Zigarette an.
Die Rückenlichter eines Wagens in der Konrad-Adenauer-Straße.
Dein Blut in meinen Ohren.
Die Bremsen der Wägen reißen mich auf.
Ich gehe geknickt.
Ich bin unfähig zu lesen.
Eine liegengebliebene Zeitung will Reklame machen.
Peter Handke: Kraft in der Einsamkeit.
Es ist Nacht!
Eine kleine Tüte mit Nüssen.
Ich bin abhängig von dir.
In Frankfurt werde ich einen Therapeuten aufsuchen.
Lehrjahre auf der Couch.
Lehrjahre bei dir: im Bett.
Wir sind inzwischen durch Reutlingen gefahren.
Statt Fahrgästen stehen Fahrkartenautomaten auf den Bahnsteigen.
Ein blondes Mädchen mit einer Tüte aus dem HL-Markt.
Der HL-Markt in Tübingen: gegenüber der Post.
Ich darf gar nicht daran denken...
Unterm Laub verwest dein schönes Gesicht.
Ich werde dich niemals gehen lassen.
Am Stuttgarter Bahnhof ein Telefonat.
Der Regen trommelt aufs Dach des Sackbahnhofes.
(2001)


in frankfurt - im herbst des selben jahres


nach oben
in frankfurt - im herbst des selben jahres -
(von einem augenblick auf den anderen)
hat sich die lage weiter entschärft.
/
und was für ein glück habe ich
deine augen gefunden zu haben
deinen wunderlichen wimpernschlag
und dein glattes helles haar
und da beginne ich wieder zu träumen
(von einem augenblick auf den anderen).
/
und sieh:
die hände auf meinen schenkeln
((die noch gestern das eingeständnis
meiner untätigkeit waren))
zeigen plötzlich blutige furchen
von arbeit und mühe
und zeugen vom wiedergefundenen leben.
/
und wie dein blut auf dem laken schimmert - - - !
du stolzes mädchen mit den vielen geheimnissen.
/
und ich
frei
kann endlich wieder verstummen in einer stadt
[in frankfurt - im herbst des selben jahres -]
und im gewühl der menschen unter tage
spucke ich in den rachen
der treue
.
.
.
und bleibe unerkannt.
(2000)


Endlosigkeiten


nach oben
aber immerhin:
(the story of my life)
ja irgendwo gibt es noch
eine Geschichte

einmal ringsum gehen
alles erfassen
anders wahrnehmen
»jetzt!«
um sich dann auch wirklich,
ohne lange zu überlegen,
auf den Weg zu machen

nichtswärts
- wärts
man könnte es auch
»Irrsinn«
nennen

jemanden
irgendjemanden
finden, der sich aus dem Fenster lehnt
seine Augen schließt:
das Erwarten des Nichts
aber das zufällige,
ungewollte Wiederfinden des Sinns

End . . . losigkeiten
so SINNVOLL aber unbeliebt
- - -
um irgendetwas veranschaulichen zu können
(the story of my life)
ganz bestimmt nicht
und überhaupt (bisher FRAGLICH)
(1999)


während noch der reif


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während noch der reif
von den halmen klirrt,
und eine neblige hand
die schatten,
die wir gestern gemalt haben,
verwischt und verschmirt,
ganz alltäglich,
geht im stillen
eine welt zugrunde,
meine welt und deine welt,
eine welt, die wir aufgebaut haben,
geliebt haben,
die du so einfach verwirfst,
ein augenzucken,
ein wimpernschweif,
ein knistern deiner haut.
und nicht bist du dir bewußt,
daß deine überheblichkeit alles
zerstört,
alles,
alles.
ich stehe
vor einem teppich,
gewoben aus ruinen,
aus gedanken, die nicht gedacht wurden,
weil zeit fehlte,
zeit,
in der du hättest lernen können,
was unsere welt wirklich ist,
zeit,
in der du hättest
mir zuhören können,
anstatt einzuschlafen,
ein augenzucken,
ein wimpernschweif,
ein knistern deiner haut.
(1999)


Selbstkritik I


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Mein Leben
Vor-mich-hin-sein - einsam (schau mich lieber nicht an!)
Und den Briefkasten nicht öffnen
Weil ich weiß, daß es vergeblich wäre
Freundschaft - - - Ärger und Wut darüber
Mein Denken
Stückchen Seele von dir, liebe Freundin, und dennoch:
»Endlich einmal nicht nachgedacht
Über uns, in der Hoffnung, Schlußstriche zu zeichnen«
AUF ROTEM PAPIER
Wie dein Gift. Dein Brennen, Lachen, Blicken
(hast du gesagt? hast du gesagt!)
Und lege mich ins Bett
In dieses kalte kalte Bett
((Und denke nach?))
      Um zusammenzukneulen
    /
Die Schattenseiten
ELEND . . .
Und ein Gedicht
Das nicht läuft
(1998)


Es ist so an diesen Tagen


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Jetzt, wo es mir wieder so schmerzlich
bewußt wird,
daß meine Tage wie Nichts sind
und daß alles wieder so routiniert
und gewöhnlich verläuft wie eh und je
und jetzt, wo aus den offenen Fenstern
feuchte, klebrige Luft hineinfließt
und mich und meine Träume einhüllt
in eine traurige, zähe Masse
jetzt, da merke ich
daß es angefangen hat zu regnen
und daß die Septembertage den
wundervollen
Augenblick vergessen haben
an dem es so schön war
so anders

Aber ich habe selbst nicht mehr
daran geglaubt
auch dann nicht mehr
als ich gerade erst wegging von hier
um alles besser zu machen
doch es ist schon wieder vorbei
nur mit dir geht es noch
ein bißchen weiter
und auch dies scheint so unglaublich
unwesentlich und unwichtig
und außerdem habe ich immer das
Gefühl
etwas unbekanntes falsch zu machen

Es ist so an diesen Tagen
an denen das drückende Geräusch
pfützendurchfahrender Fahrzeuge
bis an meine Ohren vordringt
und der ganze Schrecken
und die Trostlosigkeit
an mir dahinschmilzen wie Butter
einfach so runtergehen
so gefühllos und kalt
aber dennoch erschüttert das einen
und wenn ich dann
endlich
wieder auf die Straße gehe
krieg' ich das ganze Zeug immer noch nicht
aus dem Kopf

Sie haben gesagt
ich sei noch im grauen Bereich
also ist alles noch nicht endgültig
zu Ende
aber in mir drinnen habe ich schon lange
damit Schluß gemacht
weil das alles so monoton ist
dabei bin ich auch noch selber schuld

Das sind diese Tage
an denen ich schon beim Aufstehen
mich freue
auf den Abend mit dir
und dann regnet es
wegen dir
und dann hat mein Tag wieder Sinn
wegen dir
(1998)

w w w . r a d e s t o c k . n e t