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Gesammelte Werke von Sebastian Radestock
Nichtswärts


»Keins von uns braucht anderswohin gehen. Wir sind alle, wüssten wir es bloß, schon dort.«
Aldous Huxley, Eiland

»La strada l'è longa
ci tocca marciar.«

Lombardisches Volkslied

». . . laboraverimus.«
Columella
Nichtswärts ist eine Erzählung in vier Kapiteln:

1. Der Schreibende steigt ein
2. Der Schreibende wartet
3. Der Schreibende wird geweckt
4. Der Schreibende stellt sich auf die Probe


1. Der Schreibende steigt ein

[Am Abend des achten Oktober stellte sich heraus, dass die Welt in Wirklichkeit nur ein einfacher, aber dennoch belebter Steinklumpen ist, der um die Sonne kreist.]
Der Bahnhof ist verlassen. Die meisten Züge (es sind nur wenige, die hier vorbeikommen) sind schon am Vormittag gefahren.

Zwischen den rostigen Schienen ist verdorrtes Unkraut. Unter den ausgewaschenen, hölzernen Schwellen huschen Eidechsen hervor, warten und verschwinden wieder. Eine hat ihren Schwanz verloren. In den Rissen des brüchigen Bahnsteiges nisten kleine graue Asseln, tausende von ihnen.

Die Nachmittagssonne brennt auf den Asphalt, der im Laufe der Jahre die Farbe der rostigen Schienen angenommen hat. Im Herbst scheint hier die Sonne schon früh in rötlichen Tönen. Die Schatten der Pinien, die ganz auf anderen Seite des Bahnhofes stehen, sind lang geworden und reichen bis zu meinen Füßen, auf diesen Bahnsteig.

Ich bücke mich und beobachte die Insekten. Neben den Asseln leben auch große Ameisen und Weberknechte im Stein. Es ist angenehm, wenn sie mit ihren überlangen dürren Beinen auf meiner Handfläche laufen und dann wieder im Dreck verschwinden.

Ich habe beschlossen, nach Vé zu fahren, weil ich den Lärm der Stadt nicht mehr ertrage. Seit Jahren schon habe ich Kopfschmerzen von den unter meinen Fenstern vorbeifahrenden Trams, von der Musik, die aus der Kneipe auf der anderen Seite der Straße kommt, und von den Menschen, für die ich arbeite. Ich bin Journalist, und so schreibe und arbeite ich für viele. In Vé - das habe ich mir vorgenommen - will ich einmal über mich selbst schreiben.

Am Zittern des Wollgrases erkenne ich, daß der Zug einfährt.

Die Bremsen quietschen nicht, denn der Zug fährt langsam. Ich sehe auf die Räder, dann ein Stück höher. Die alte, rotgestrichene Diesellock stößt rußigen Qualm in den Himmel. Für einen Augenblick noch scheint mir die tiefstehende Sonne ins Gesicht, dann stehe ich im Schatten der verschlissenen Waggons. Ich trete ein Stück heran und warte, bis der Zug zum Halten kommt.

Da, wo ich stehe, ist ein Ölfleck am Boden. Dunkel hebt er sich vom Rostgrau des Bahnsteiges ab. Ich stelle mich darauf, und ich habe den Eindruck, der Fleck unter meinen Füßen sei ein Teil von mir selbst. Doch ich löse mich wieder und fasse an den wackeligen Türgriff. Da fällt der Blick auf meine Hand. Ein Weberknecht sitzt noch immer oberhalb meines Daumens. Ich will ihn abschütteln, doch dann entscheide ich mich, ihn mitzunehmen.

Der D-Zug nach Vé ist fast leer. Ich suche einen Platz, der sauber ist, und ich setze mich. Ein Mädchen steigt in denselben Wagen ein. Sie hat den Fleck auf dem Bahnsteig nicht bemerkt, und ich fühle mich darüber erleichtert. Der Stationsvorsteher gibt das Zeichen zur Weiterfahrt und zieht seine rote Schirmmütze aus. Der schwarze Qualm über der Diesellock verdichtet sich für einen Moment, dann setzt sich der Zug langsam wieder in Bewegung.

Das Mädchen hat sich zwei Reihen vor mich gesetzt. Ich beschließe, mich auf die Sitzbank neben ihr zu setzen. Ich stehe auf, gehe dorthin und will mich setzen, doch ich zögere: Irgendjemand hat seine Initialen in das helle Holz gekratzt. Ich empfinde Hass, setze mich schließlich trotzdem und schaue aus dem Fenster. Mein Weberknecht krabbelt auf der staubigen Scheibe und ich verliere ihn aus den Augen. Ich bin müde und sehe, dass das Mädchen schon eingeschlafen ist.

Aus Angst, sie könnte nicht schlafen, sondern tot sein, gehe ich hin und wecke sie auf. Anstatt zu schimpfen, lächelt sie mich nur an und schließt wieder die Augen. Ich setze mich neben sie, wir verstehen uns.

Auf dem Gepäckgitter über dem Mädchen liegt eine alte Zeitung. Ich stehe auf, nehme sie und versuche zu lesen. Doch die Buchstaben, die eigentlich einen vernünftigen Sinn geben müssten, stehen nur wie wirr zusammengeworfen auf dem grauen Papier. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Wörtern, sie stehen da, wie schwarze Montagen, die ihren Zweck nicht erfüllen. Nur die Fotos klären mich über Flugzeugunglücke, Kriegsfronten und Politikdiskussionen in der fernen Heimat auf.

Ich öffne das Fenster und werfe die Zeitung aus Wut auf die unsinnigen Floskeln und Formen hinaus. Der Fahrwind ergreift sie, entblättert die Seiten, wirft sie auf den Boden, reißt sie wieder hinauf, bis das Blatt schließlich aus meinem Blickfeld verschwunden ist.

Das Mädchen ist aufgewacht. Ich schließe das Fenster und blicke sie statt einer Entschuldigung nur an. Sie versteht mich. Sie würde sich gerne mit mir unterhalten, meint sie, doch ich lehne ab (ich finde kein Verständnis für ihre Offenheit) und setze mich wieder auf den Platz zwei Reihen hinter ihr, auf den ich mich schon beim Einsteigen gesetzt habe.

Ich ärgere mich darüber, die Zeitung hinausgeschmissen zu haben. Ich habe das Gefühl, ein Beweisstück vernichtet zu haben. Doch ich ärgere mich noch mehr darüber, dass ich das Mädchen alleine gelassen habe. Ich fühle mich betroffen und müde, doch ich habe Angst, man könnte mir mein Geld stehlen, und so versuche ich wachzubleiben.

Der Zug fährt weit und lange kommt kein Bahnhof mehr, an dem er Halt macht und neue Menschen einsteigen.

Das Mädchen ist aufgestanden und öffnet ihr Fenster. Sie lehnt sich hinaus und der Fahrwind, der eben erst die Zeitung zerzauste, verweht nun ihr schulterlanges Haar. Ihr scheint es Spaß zu machen, den Wind im Gesicht zu spüren. Ich versuche in ihre Augen zu schauen, doch sie bleiben geschlossen.

Ich stelle mir vor, auch ich würde mich aus dem Fenster lehnen, die Augen geschlossen und den Wind in den Haaren. Doch mein Kopf schmerzt und ich fühle mich nicht gut. Ich glaube, es ist das Wetter und vielleicht auch die Tageszeit.

Inzwischen ist die Sonne zur Hälfte hinter dem Horizont verschwunden. Ich sehne mich nach der Nacht und warte darauf, dass das Rot vom Himmel verschwindet und kühle Schwärze kommt. Ich kann Sonnenuntergänge gut leiden.

Früher einmal bin ich ein bekannter Schriftsteller gewesen. Ich habe viele Bücher geschrieben über Sonnenuntergänge, über die Welt, über Menschen, Beziehungen und Träume. Dann aber habe ich es verlernt, die Schrift als Kunstwerk zu verstehen, und bin Journalist geworden. Damit habe ich mich für die Unfreiheit entschieden, denn ich darf nur das beschreiben, was wirklich passiert ist. Darin liegt auch die Einfachheit. Ich weiß nur, was geschehen ist, ich bin ein Arbeiter, der Formworte zusammensetzt zu Informationssatzgefügen, so lange, bis daraus ein Bericht entsteht.

Früher schrieb ich über die Welt, heute verstehe ich die Welt nur noch als ein physikalisches Objekt, das unermüdlich um die Sonne kreist, ohne Sinn und ohne Ziel.

Ein Schriftsteller dagegen ist frei. Daher ist der Schriftsteller ein Künstler, so wie ich es einmal war. Doch was tut ein Künstler, wenn ihm die Farben ausgehen, die Worte, die er zusammenfügen und mischen will, bis ein Werk entsteht? Ich habe die Kunst des Mischens verlernt.

In Vé will ich noch einmal von vorne beginnen. Ich will da anfangen, wo ich vor Jahren aufgehört habe. Ich will wieder schreiben, nicht beschreiben. Ich will lernen -

Ich habe von der Vergangenheit geträumt und laut mit mir selbst gesprochen. Das Mädchen schaut zu mir herüber. Jetzt sehe ich in ihre Augen. Sie sind dunkelbraun. Auch ich habe braune Augen, erinnere ich mich und ich rufe sie zu mir herüber. Sie schließt das Fenster, lächelt mir zu und kommt. Ich biete ihr den Platz neben mir, doch sie setzt sich mir gegenüber. Sie schaut mich nicht an, sondern ihr Blick führt starr durch das trübe Glas nach draußen, wo die Sonne gerade untergegangen ist.

Mein Weberknecht liegt tot am Boden.

Die Beleuchtung der Waggons ist schwach. Die elektrischen Lampen sind alt. Ein Nachtfalter hat sich in den Wagen verirrt. Ich zeige ihn dem Mädchen.

Ich frage, wohin sie fahre. Nach Vé, sagt sie und blickt auf mein abgetragenes weißes Hemd. Im Koffer, der über mir im Gepäcknetz liegt, habe ich noch ein anderes, ein kariertes Hemd, sage ich zu ihr, doch sie interessiert sich nicht dafür.

Ich frage sie, ob sie in Vé mit mir ausgehen wolle. Sie sagt, es tue ihr leid, doch ihr Onkel hole sie gleich nach der Ankunft am Bahnhof ab.

In ihren Augen - es sind meine Augen - sehe ich, dass es ihr wirklich leid tut. Ich bin froh darüber.

Wir unterhalten uns.


2. Der Schreibende wartet

[Zwischen dem achten und neunten Oktober stellte sich heraus, dass das, was die Menschen bisher "Nacht" genannt haben, in Wirklichkeit nur eine Folge der Kreisbahn der Erde um die Sonne ist, und daher - so die Aussage der Experten - unbedeutend sei.]
Vor zwei Stunden bin ich in Vé angekommen. Es ist dunkel. Nur die Laterne am Bahnhofsgebäude erhellt die Straße aus gestampftem Lehm und grobem Schotter.

Das Mädchen ist nicht abgeholt worden. Es steht immer noch am Bahnsteig und wartet auf ihren Onkel.

Ich setze mich auf die staubige Treppe, die vom Bahnsteig hinab auf die Straße geht. Vor mir führt der Weg auf einen kleinen Hügel. Erst dort oben liegt die eigentliche Stadt. Vé ist nur ein Dorf. Ich habe darüber in einem Reiseführer gelesen. Hier sei die Natur ganz besonders schön, doch lohne sich der Besuch nur im Frühjahr, wenn die Hitze der heißen Sommermonate den lehmigen Boden noch nicht rissig und ausgedörrt gemacht hat.

Ich bin zu spät gekommen (oder zu früh).

Ich interessiere mich für die Natur, für die Pflanzen. Als Kind habe ich oft aus den Kernen der Zitronen kleine Bäumchen gezogen, die ich dann meiner Schwester geschenkt habe.

Meine Schwester ist älter als ich. Sie lebt im Norden, in einer kleinen, geschäftigen Stadt an der Grenze. Wir haben uns seit unserer Kindheit nicht mehr gesehen und ich weiß nicht, ob sie meine Bäumchen behalten hat.

Hinter mir liegt der kleine Bahnhof, der nur aus einer hölzernen Hütte, den beiden Bahnsteigen und einer kleinen Unterführung besteht, durch die man von einem Gleis auf das andere kommt. Doch die Unterführung ist gesperrt, weil sie baufällig geworden ist und jederzeit einstürzen könne, hat der Stationsvorsteher, ein alter Mann, erklärt.

Hier, im Landesinnern, wo die Sommer wesentlich trockener sind als an der Küste, gibt es keine Weberknechte. In den Rissen des Bahnsteiges leben nur Asseln. Ich wende den Kopf. Das Mädchen wartet immer noch.

Zu meiner Linken erstrecken sich Felder, welche die Einheimischen mit stacheligen Früchten bepflanzen. Die Ernte ist spärlich und reicht nicht zum Überleben. Wer glücklich sein wolle, hat der Stationsvorsteher gemeint, sei an die Küste gezogen und habe sich richtige Arbeit gesucht. Nur die Alten leben noch in Vé.

Zu meiner Rechten geht die Straße in die andere Richtung weiter, sehr weit, bis zur Küste. Sie führt immer entlang der Eisenbahn. In der Dunkelheit sind nur noch die Telegrafenmasten zu erkennen, die in die Nacht führen und irgendwo im Nichts enden.

Lange sitze ich so vor dem Bahnhof. Die Nacht bringt keine Abkühlung, die Radiosender dagegen hatten für das Landesinnere Regen angekündigt. Vielleicht habe ich mich auch geirrt. Vielleicht bin ich in den falschen Zug gestiegen. Und vielleicht ist der Ort dort oben auf dem Hügel gar nicht Vé, sondern irgendein anderes Dorf.

Ich hebe den Kopf und schaue in die Richtung, aus der das unermüdliche Zirpen der Grillen kommt. Tief in meinem Kopf spüre ich wieder den Schmerz, der so stark ist, dass ich es inzwischen aufgegeben habe, dagegen anzukämpfen.

Ich habe gehofft, hier in der Einsamkeit würde es mir besser gehen, ich würde Zeit und Ruhe finden, etwas über mich selbst zu schreiben. Ich habe erwartet, daß ich glücklich werde.

Schon sehr lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, ins Landesinnere, in eines dieser vereinsamten Dörfer zu fahren und zu schreiben. Ich wollte für kurze Zeit alles hinter mir lassen und mich ausruhen, vom Lärm, von den Nachrichten, vom Verkehr, von Gefühlen, Schmerzen und Leidenschaften.

Ich träume, blind vor Schmerz und gelähmt durch die Hitze.

Asseln sind in meinen Kragen gestiegen und ich finde wieder zu Bewusstsein. Ich stehe auf, steige die Treppe hinauf, auf der ich - ich weiß nicht mehr wie lange - gesessen habe und gewartet habe.

Ich rufe das Mädchen (ihr Onkel ist immer noch nicht gekommen), doch sie ist verschwunden.

Ich gehe zurück, wische mit der Hand Staub und Asseln von den Treppenstufen und lege mich schlafen.


3. Der Schreibende wird geweckt

[Am Morgen des neunten Oktober stellte sich heraus, dass alle Gefühle, die der Mensch im Laufe der Evolution ausgebildet hat, biologisch erklärbare Reaktionen zwischen den Nervenzellen sind und allein darauf ausgelegt sind, Leben zu erhalten.]
Vor mir steht das Mädchen. Ich raffe mich auf (von der Stufe, auf der ich geschlafen habe), und ich merke, dass im Osten die Sonne aufgegangen ist. Der Himmel ist blau und hebt sich von den Feldern ab, die, soweit das Auge sieht, westwärts reichen.

Ich solle mitkommen, meint das Mädchen mit den braunen Augen und weicht meinen Blicken aus.

Mein Koffer liegt im Dreck der Straße, da, wo ich ihn nach meiner Ankunft liegen gelassen habe. Ich nehme ihn in die linke Hand, und das Mädchen ergreift meine Rechte. Ich fühle mich kaputt, doch der Mut des Mädchens erfrischt mich, und so lasse ich mich, entlang des schmalen Fahrweges, nach Vé führen.

Ich frage sie, warum sie das tue. Doch sie hört nicht und zieht mich weiter. Disteln mit violetten Blüten säumen die Straße. Ich fürchte, ihre Hand zu zerdrücken, und lockere den Griff. Sie lacht.

Wir sind auf dem höchsten Punkt des Hügels angekommen, da, wo der Ort liegt. Ich schaue auf den kleinen Bahnhof zurück und auf die feine Linie, welche die Telegrafenmasten in die Landschaft zeichnen.

Vé ist kein schönes Dorf. Die kleinen Häuser sind heruntergekommen und ungepflegt. Vor den offen stehenden Türen dösen die Alten. Fliegen sitzen auf ihrer Stirn und auf ihren Lidern. Das Ungeziefer seien die Leute hier gewohnt, hat der Stationsvorsteher erklärt.

Zwei Ziegen stehen auf der Straße, die zwischen den Häusern hindurchführt. Sie sind mager und ausgehungert.

Das Mädchen fragt, ob ich gut geschlafen habe, und lacht dabei, so als ob sie einen Scherz gemacht hätte.

Ich habe von Vé geträumt.

Wir betreten das kleine Gasthaus, das in der Mitte des Ortes steht, gegenüber der hölzernen Kirche. Vom Nebenzimmer ist Musik zu hören. Das Mädchen rät mir, ich solle mich zu den Einheimischen setzen, sie wolle ihren Onkel rufen, den Pächter dieses Hauses.

Die Leute sitzen an zwei Tischen in der Ecke bei der Theke. Ich setze mich an einen der freien Tische in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes und beobachte die alten Gesichter, die grauen Haare, die verdreckten Hemden, die Zigaretten, die schwarzen Zähne und die Tränen in den trockenen Augen.

Die Mobiliar ist einfach. Die Tische sind niedrig und wackeln, die Stühle sind nicht einheitlich, manche sind aus Metall, wieder andere aus Holz mit einer strohgeflochtenen Sitzfläche.

Vor mir steht ein Glas mit Zahnstochern. Auf einer staubigen Serviette, in der Mitte des Tisches, stehen zwei Fläschchen mit Öl und Essig.

Im Öl schwimmen tote Fliegen. Ich nehme das Gedeck, stehe auf und bringe es an die Theke. Die Kellnerin schaut mich fragend an. Ich rege mich auf wegen des Drecks im Öl, ich schimpfe auf die miserablen Zustände auf dem Land. Inzwischen sind die Einheimischen aufgestanden und haben mich umstellt, wie die Kinder. Neugierig schauen sie auf meine Lippen.

Ich stoße sie von mir fort, rufe der Kellnerin, der Urheberin allen Übels, noch ein paar beleidigende Worte zu und setze mich wieder. Die Alten beginnen, sich über mich lustig zu machen.

Ich warte auf das Mädchen.

Im Nebenzimmer steht eine Jukebox. Ich gehe hin, werfe Geld ein und drücke wahllos eine Taste. Ich fühle mich müde, frage die Kellnerin, ob ich ein Zimmer bekommen könnte, doch sie lehnt ab, das könne nur der Pächter entscheiden.

Ich beobachte sie, wie sie die Fliegen aus dem verdreckten Öl herausfischt, das vorher auf meinem Tisch gestanden hat, und die Flasche wieder zurückstellt.

Beim Anblick der fettigen Insekten, die nun auf der Spüle liegen, muß ich an den schwarzen Ölfleck denken, den ich bei meiner Abfahrt zurückgelassen habe.

Die Kellnerin nimmt die toten Tiere und gibt sie in die Milch, die sie für die Katze bereitgestellt hat.

Aus der Tür, die hinter der Theke wohl in die Küche und die Wirtschaftsräume führt - sie ist unregelmäßig gestrichen und das stört mich - kommt das Mädchen mit ihrem Onkel. Er ist alt, so wie alle in Vé. Er gibt mir den Schlüssel für mein Zimmer. Ich habe schon vorbestellt, meint er und fragt, warum ich nicht schon, wie geplant, gestern angekommen sei.

Ich habe den D-Zug verpasst, sage ich und das Mädchen schaut mich ernst an.

Mein Zimmer ist klein und die Luft ist stickig. Es riecht nach Essen und Zigarettenqualm, nach abgestandenem Wasser und nach Parfum. Ich öffne das Fenster. Mein Blick geht den Hügel hinab, auf den Bahnhof und die Gleise im Tal, die von hier aus zerbrechlich und fein aussehen.

Das Mädchen klopft an der Tür und fragt, ob ich mein Frühstück für morgen auf das Zimmer bekommen wolle. Ich schüttele den Kopf, was sie von außen nicht sieht, und verneine.

Unter dem Schrank sind Schaben. Ich will versuchen, heute Nacht wach zu bleiben und zu schreiben, denn ich fürchte, die schwarzen Tiere könnten in mein Bett kommen.

Meinen Koffer lege ich aufs Bett und ich öffne ihn. Ich ziehe mich um, wasche mir den Staub aus dem Gesicht, fahre mit der Linken durch mein Haar, stecke Geld ein und stehe lange vor dem Spiegel.

Ich habe mich schon viele Jahre nicht mehr angesehen. Ich meine in meinem Gesicht Ähnlichkeiten zum Gesicht des Mädchens zu erkennen, merke aber, dass ich irre.

Von außen schließe ich mein Zimmer ab, gehe die Treppe hinunter (einige Stufen sind stärker abgenutzt als andere) und setze mich an meinen Platz in der Gaststube.

Ich lege mich auf die Bank an der Wand und schlafe ein.

Die Musik aus der Jukebox weckt mich wieder auf. Es ist dasselbe Lied, das auch ich am Vormittag gewählt hatte. Das Mädchen kommt auf mich zu, die Kellnerin sei schon fortgegangen, meint sie und fragt, ob ich etwas essen will, es sei schon spät.

Ich sage, ich könnte ihr in der Küche helfen, denn ich habe großen Hunger. Sie schaut zur Tür, die in die Nebenräume führt, so, als ob sie auf jemanden warten würde, dreht sich wieder zu mir und fordert mich auf, endlich mitzukommen.

In der Küche ist es angenehm. Überall stehen Schachteln und Dosen mit Essen, Servietten oder Abfall. In der Mitte steht ein kleiner weißgestrichener Tisch. Die ganze Küche ist altmodisch eingerichtet.

Das Mädchen fordert mich auf, am Küchentisch Platz zu nehmen, und schiebt ungespülte Teller und Besteck zur Seite. Ich bleibe stehen und beobachte sie.

Sie geht zum Ofen und öffnet ihn. Sie greift hinein. Doch der Topf ist heiß und sie lässt ihn auf den steinernen Fußboden fallen. Die Scherben und das Essen liegen überall verteilt.

Ich stehe mitten in der Küche und schaue auf das Chaos zu meinen Füßen.

Ich betrachte sie, wie sie einen Eimer nimmt, eine kleine Schaufel und, angefangen von der Stelle, wo ich stehe, die Unordnung aufräumt.

Sie fragt, ob ich ihr nicht helfen wolle.

Ich lehne ab.


4. Der Schreibende stellt sich auf die Probe

[Am Abend des neunten Oktober stellte sich heraus, dass angeblich nur die Dinge relevant sind, die der Mensch mit eigenen Augen gesehen hat.]
Ich sitze in der Gaststube und habe viel getrunken. Draußen ist es dunkel. Da, wo tagsüber die Sonne stand, steht nun der Halbmond. Ich bin mir nicht sicher, ob es der abnehmende oder der zunehmende ist.

Das Mädchen sitzt am Nebentisch. Sie hat ihren Kopf in die auf der Tischplatte verschränkten Arme gelegt und schläft.

In den oberen Stockwerken höre ich das Kratzen der Schaben.

Ich versuche zu schreiben. Es soll eine Erzählung werden. Eine Geschichte über mich selbst, ein Bericht über das, was ich fühle, was ich denke, was ich erlebe.

Von der kleinen Kerze, die das Mädchen auf meinen Tisch gestellt hat, werde ich abgelenkt. Die Flamme flackert und ich vermute, dass in der Küche ein Fenster offen geblieben ist. Das Wachs ist weiß. Wenn es schmilzt (durch die Hitze des Feuers), wird es klar und flüssig - wie Wasser.

Ich starre auf das Papier, das vor mir liegt. Ich habe Angst, keinen Anfang zu finden. Hatte ich an der Küste noch klare Vorstellungen von dem, was ich erzählen wollte, so sind jetzt alle Träume und Gedanken unklar und verschwommen.

Es fällt mir schwer, bei der Sache zu bleiben. Ich habe viel getrunken.

Mein Kopf schmerzt bei jedem Atemzug, den ich mache.

Mir fallen Gedichte ein, die ein Freund einst geschrieben hat. Er hat viele Liebesgedichte verfasst, ich habe ihn darum immer bewundert. Doch als ich angefangen habe, viel Geld zu verdienen, ist er weggezogen und hat mich alleine gelassen.

Ich bin froh darüber.

Ich will meine Gedanken fassen, niederschreiben, verewigen, verarbeiten und erforschen. Ich bin ungeduldig. Ich warte, doch je länger ich dasitze, desto kleiner wird die Kerze und desto ungeduldiger und verzweifelter werde ich.

Ich betrachte das Mädchen, sie schläft, träumt vielleicht, und ich empfinde plötzlich das starke Verlangen, ihre Gedanken zu kennen.

Ich stehe auf, schiebe meinen Stuhl zurecht, gehe an den Nebentisch und fasse an die Schulter des Mädchens. Sie wird wach und fragt, wieviel Uhr es sei.

Ich sage, sie solle mir helfen, Gedanken zu sammeln, ich habe mich verirrt.

Sie antwortet, wenn man schreiben wolle - so wie ich -, dann brauche man nicht mehrere Gedanken, die man erst sammeln muss, sondern nur einen einzigen.

Und: Niemand könne mir helfen, den Stoff meiner Erzählung zu finden. Das sei allein meine Aufgabe.

Ich weiß, dass ich der einzige bin, der mir helfen kann. Ich weiß.

Und ich muss erkennen, dass ich schon durch die nebensächliche Tatsache, nach Vé gefahren zu sein, das Mädchen getroffen und die Fliegen auf den Lidern der Alten gesehen zu haben, von meinem Wunsch, etwas über mich selbst zu schreiben, abhängig geworden bin.

Ich habe mich auf die Probe gestellt.

Das Mädchen mit den braunen Augen ist wieder eingeschlafen. Sie ist wunderschön. Ich bewundere sie.

Ich setze mich und finde den Gedanken.

Ich selbst bin es, den ich gesucht habe, den ich lange Zeit nicht gefunden habe - der Gedanke an mich selber. Ich habe mich selbst verloren, damals, als ich die Schrift verloren habe, damals, als ich unfrei und Wortarbeiter wurde.

Die Kerze ist niedergebrannt. Der Schmerz, der mich zerfressen hat, ist fort. Oben ist es still geworden, die Schaben sind ruhig.

Die Jukebox schweigt.

Ich schreibe meine Geschichte. Ich schreibe die Geschichte von mir und dem Mädchen. Ich schreibe. Ich beginne, die Sprache wiederzufinden, die Kunst, und auf dem weißen Papier entstehen Sinngefüge.

Ein Weberknecht krabbelt über das Blatt Papier.

Draußen regnet es.





[Die Erzählung muss weitergehen.]

w w w . r a d e s t o c k . n e t