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Gesammelte Werke von Sebastian Radestock
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»Was wirst du diesmal sagen, wenn ich nicht wiederkomme?«
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Ein Lernprozess mit tödlichem Ausgang.
»Mit Wasser tuschen wir die Zeichen,
Die unsern eignen Chiffren gleichen.
Zu deuten nicht. Doch sie gehören
Zum Spiel der Welt, uns zu betören.«
Hermann Kasack, Heiter Sinn

Dahinter verbirgt sich eine ganz persönliche Geschichte.
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1.
Ich denke an dich.
Schnee - wie wenn man - wie auch ich es getan habe, gerade eben erst - das Fenster öffnet, wie wenn man es geradezu aufreißt, vor Schmerz, dessen Ursache man nicht kennt, die aber tiefer liegt, und vor Schwermut, welche der vor dem Fenster tobende Sturm der Schneeflocken, die Bänke aus dichten, grauverschmutzen Nebeln am Waldrand, dort in den Zweigen, und die Schatten der schwarzen, kaum noch zu identifizierenden Krähenvögel auf den Masten der Hochspannungsleitung hervorrufen. Es ist ein Gefühl der Unendlichkeit, dort am Fenster zu stehen, blickend in die Ferne, auf das, was gerade geschieht, auf das Schauspiel, und man möchte weinen, so rührend fällt der Schnee, so kalt ist die klirrende Luft, so gut riecht der Wind, der von weit her kommt, von da, wo es weiß ist, noch viel weißer als hier im Winter.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, sich so nichtig zu fühlen, wie vergeistert, tot, aus dem Fenster lehnend, den Mund aufzureißen und nach Leben zu hungern, zu dursten nach Sinn, mit weit aufgerissenen, alleserwartenden Augen, als wie wenn es angekündigt worden wäre, daß am Himmel, wo jetzt noch tiefgraue Wolkenberge türmen und wallen, ein Wunderzeichen geschehe, und man nur darauf warte, daß es erscheine, wahrhaft werde, als wie wenn Gott selbst sein Licht dorthin projizieren wolle, dahin, wohin mein Blicken geht, mein Atmen, mein gieriges Hungern.
Was für ein Gefühl!
Und dieses Gefühl - gibt es doch nichts schöneres, traurigeres und unglücklicheres - dieses Gefühl beginne ich zu leben. Stundenlang unterbrechungslos ICH zu sein, nicht mehr denken an Arbeit, an Freunde, an Fesseln, die mich auf dieser Welt halten, nicht mehr spüren den Druck, der mich quetscht, der mich erdrosselt mit eisernen Ketten, mit messerscharfen Kanten ritzt und mir zusetzt, in diesem Leben, immerzu, andauernd, und so erbarmungslos.
Jetzt kann ich endlich alles vergessen, was war, allem den Rücken kehren, aber nicht mit Absicht, bewußt und wohlwissend, sondern vielmehr aus Leichtsinn, aus dem Wunsch, der Begierde heraus, anders zu sein, auf andere Art glücklich und frei zu sein, und das kommt mir gerade alles wegen dem Anblick der Schneeflocken, die an nichts anderes gebunden, als an die Schwerkraft, fliegen und fallen, frei, frei, frei.
Ich denke an dich, an jenes wunderbare Geschöpf, an jenes Wesen, das mir zur Freundin, zur allerbesten, geworden ist, verdrehe die Augen, gelangweilt, fröstelnd, und schaue hinauf, wo der Wald beginnt, und wo der Weg führt, der jetzt, zur kalten Jahreszeit, unterm Schnee unsichtbar und unnahbar führt, den ich täglich gehe, wenn du nicht da bist, wenn ich allein bin. Allein. Einen Moment lang Ruhe und Ordnung in das Chaos, das unser Leben beherrscht, einen Moment lang Abstand von Gewalt und Selbstsucht, mit der du mich erdrückst, zerdrückst und erstickst.
Bitte, bitte bleibe bei mir.
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2.
Und schon durchfährt ein jäher, unmenschlicher Schrei meine Ruhe, meine stille Gewaltigkeit: ich stelle mir vor und ich weiß, daß es so kommen wird, früher oder später ich stelle mir vor, was wäre, wenn es aufhören würde zu schneien, wenn die Nebel sich verzögen, die krähenartigen Tiere von den Masten, die wie Friedhofskreuze aussehen, wegflögen, ach, dann wäre alles dahin, was für ein Unglück, was für ein Unglück, alles wäre wieder wie einst, wie vor dem Öffnen des Fensters, ich stelle mir vor, wie sich ein Balken vor mein Denken legte, kreuzgleich, ein Balken, pechschwarz, ebenhölzern, aus deiner Stimme, die mir zuruft DU STEHST ZU LANGE AM FENSTER, und ich mich dann umdrehte, willkürlich, reflexartig, vom Balken gestoßen, aber ungewollt, dich sähe, und in schlagartiger Erstarrung und Paradoxie mein ICH verlierte, weil du mir dort, auf dem Bett, ein Buch, eine Tasse in der Hand, zum Sinnbild eines Alltages würdest, zur Verzerrung des Glücks, zur Verzerrung in eine bestimmt Form der Zwanghaftigkeit, die unwiederbringlich ist und zum Unglück führen würde.
Ich, ein Opfer körperlicher Attraktion, allein und in jeder Sekunde auf die körperliche Befriedigung bedacht, scheinheilig, allein aus Selbstsucht und aus Sucht zum Körper, der mich vergewaltigt, mich hinrichtet, mich niedermetzeln will in der Schlacht der Gefühle, im Kampf aus Schmerzen und Leiden.
Dabei war ich nur auf der Suche nach der gemeinsamen Zukunft.
Die Zukunft ist weiß, weiß, weiß.
Unten auf der Straße eine alte Frau, die Bergholz nach Hause karrt, gebündelt, so fein säuberlich, daß es mich sogleich an meine Jugend erinnert, an eine Zeit, in der es schön war mit dir, so fein säuberlich gebündelt, daß schon der Anblick des Bündels Schmerz auslöst, Schmerz tief drinnen in der Brust, ein Gefühl wie Nostalgie, schöner Erinnerung, so daß ich jetzt, am Fenster, gerne weinen möchte, nicht kann, weil ich mir deiner Gegenwart noch viel zu bewußt, noch viel zu vernetzt auch in deinen Gedanken bin, um irgend etwas zu tun. Irgendetwas sinnvolles. Ich muß mit dir reden, laß uns alles wieder rückgängig machen!
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3.
Nein. Irgendetwas ist schief gelaufen mit uns beiden, nicht richtig, anders als geplant, wie ein Satellit, der plötzlich, geradezu unerwartet, seine Umlaufbahn, seine geregelten Kreise verläßt und zum gefährlichen Körper, zur Bombe wird, die sich entweder in der Atmosphäre zu Nichts auflöst, verglüht, oder sich in die Tiefen des Alls verliert, klein wird, unscheinbar, bis man es vergißt. Unsere Beziehung, aus den Fugen geraten, entartet, mutiert, ein Fremdkörper in unserem Alltag, in unserem Zusammensein. Ich will, daß du mir zuhörst. Bitte, bitte rede mit mir.
Ich weiß, es ist zu spät, zu spät.
Der Schnee hört auf zu fallen, das Bild, draußen, wird plötzlich zur unbeweglichen Kulisse, zur steinernen Wand, unverrückbar, beständig, Friedhofsmauer, und Gedanken gehen mir durch den Kopf, es schmerzt, alles, alles möchte ich rückgängig machen, ich möchte noch einmal anfangen, ganz von vorne - ich wünsche mir das so -, hast du denn vergessen, wie es einmal war? Glaubst du an den Neuanfang? Nein. Nein. Nein. Jeder muß seine Fehler eingestehen, sonst ist alles schon vorbei; doch zu festgefahren, zu stolz sind wir beide, zu süchtig nach Herrschaft, nach Sieg über den anderen. Bei uns zählt die Überlegenheit. Ich will es ändern, ich will es wirklich, tief in mir drinnen will ich es, doch ich kann nicht, was hält mich, was für eine Macht, bin ich denn nicht mehr frei, zu wollen - zu wollen, was richtig ist, was gut für uns ist?
Und du?
Ich laufe. Ich laufe, auf dem Weg am Wald, im Dunkeln, immer immer weiter und weiter, Kilometer um Kilometer, bis ich erschöpft bin, ich laufe, laufe, Sterne nehme ich nicht wahr, nicht den Mond, nicht den Schnee, laufe, bis ich zusammenbreche, weine, schreie - ich kann nicht mehr.
Du sagst, ich sei feige. Feige, etwas zu sagen, mich durchzusetzen, zu tun, was ich wirklich wolle, und manchmal bin ich mir nicht sicher, ob du mich überhaupt jemals verstanden hast. Obwohl es doch so einfach gewesen wäre.
Es ist kalt geworden. Sehr kalt.
Zu kalt für eine Zukunft mit dir. Hier endet unsere Geschichte, hier endet unser Märchen von den Königskindern, unser Traum, von der Freundschaft, von der Liebe, hier endet das Ewige, das Hin und Her, das Ich-brauch-dich-so-sehr.
Wo ist der Sinn?
Wir hätten reden sollen.
Ich ziehe mich aus, ich esse den Schnee.